Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Wirtschaft | Politik | Umwelt | Panorama
KulturInternationalMeinung

Generation Brainrot: Kunst oder Kollaps?

Ein Schlagstock heiratet eine Ballerina aus Cappuccino – und ein eifersüchtiger Baum wird von laufenden Toiletten verhaftet. Was hier beschrieben wird, ist nicht mehr als ein surrealer Traum ohne Sinn und Verstand. Der Kopf bleibt leer und konsumiert einfach – ein Beispiel für den modernen Brainrot.
dryven Office  •  8. Mai 2025 CvD    Sterne  689
Generation Brainrot: Kunst oder Kollaps?
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

Ein Schlagstock heiratet eine Cappuccinotasse, die Ballerina ist. Ein Baum ist deswegen sehr eifersüchtig, wird jedoch im nächsten Augenblick von laufenden Toiletten verhaftet. Was wird hier beschrieben? Eine Szene aus dem Surrealismus, ein Fantasy- Roman? Was es auch sein mag, es ergibt keinen Sinn. Der Kopf muss über keine Zusammenhänge nachdenken, schlicht und ergreifend weil es keine gibt. Er gammelt einfach so konsumierend vor sich hin- Brainrot eben.

Das Phänomen Brainrot bezeichnete ursprünglich ein Gefühl mentaler Erschöpfung durch übermäßigen Medienkonsum- eine wörtlich übersetzte „Hirnverrottung“ durch Reizüberflutung. Durch Plattformen wie TikTok und Instagram wurde daraus jedoch ein eigenes Genre, das sich diese immer weiter voranschreitende Gehirnverrottung zur Aufgabe macht. Typisch dafür sind hyperaktive, oft absurde, repetitive und visuell überladene Inhalte, meistens KI- generiert, die komplett sinnlos sind. Es gibt Brainrot- Videos in den verschiedensten Sprachen, die Clips auf bayrisch und italienisch performen von den Likes und Aufrufen her jedoch besonders gut. Beliebt sind vor allem Audio Loops, aber auch „Sigma- Edits“, also übertrieben männlich dargestelle Zusammenschnitte von Meme- Figuren aus dem Brainrot- Universum.

Prof. Dr. Tobias Dienlin ist Lehrender für Medienpsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Unter Brainrot versteht er „die Sorge, dass man über den niedrigqualitativen Content (..) auf Social Media und insbesondere TikTok etc. das Gehirn nachhaltig schädigt“. Jedoch sei der Begriff eine „extreme Formulierung“, das solle man auf keinen Fall „wörtlich verstehen“. Entwarnung also, nichts gammelt hier wirklich- zumindest nicht sichtbar.

Man kann aber natürlich auch abstrakt über diese sinnfrei wirkenden Geschichten nachdenken, Dinge hineininterpretieren, sich mit anderen darüber austauschen und diskutieren- oder auch einfach nicht. Gen Z neigt aktuell zu Option Nummer 2. Geht es überhaupt noch anders bei dieser Medienflut, der sie tagtäglich ausgesetzt sind? Wo würde man hinkommen, wenn man alles, was man sieht, auf erstere Weise konsumiert? Der Kopf hört aus Selbstschutz- Gründen auf zu hinterfragen, es droht Überlastung, zu viel Denken ist anstrengend. Überfordernd. Gen Z konsumiert und hinterfrägt nicht mehr. Und genau das ist der Grund, weshalb solche sinnlosen Geschichten funktionieren. Das Gehirn ist schon so weit abgestumpft, hört jeden Tag so viele schockierende Dinge: Um unsere Aufmerksamkeit zu erregen, muss immer noch eins obendrauf gesetzt werden. Oder es muss so abstrakt und fern von jeglicher Realität sein, dass es sich in dieser Hinsicht vom Restlichen absetzt. Brainrot schafft genau das.

Da sind auf der einen Seite Akademiker, die diese Videos mit ihrem ausschweifenden Wortschatz und Wissen historisch in die Kunstgeschichte einordnen, Parallelen zu Dadaisten ziehen, und da ist die breite, konsumierende Masse mit den kaputten, reizgetriebenen, dopaminsüchtigen Gehirnen. Von Ihnen gibt es mehr als von den kritischen Akademikern, Brainrot geht durch die Decke. Klicks in Millionenhöhe. Ganze Staffeln, unzählige Folgen, die immer abstruser und realitätsentfernter werden. Die Zuschauer müssen an der Stange gehalten werden.

2024 wurde das Wort Brainrot zum Oxford- Wort des Jahres gewählt.

Der Erfolg des Genres lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen. Gen Z braucht Dopamin, und genau das bekommen sie bei diesen Videos. Brainrot triggert das Belohnungsstystem durch Überraschung, Lautstärke und unerwartete visuelle Reize. Wir konsumieren es mit unserem Meta- Bewusstsein, wissen also bereits während dem Konsum, dass es extrem sinnlos ist- jedoch ist genau das der Reiz daran. Es fungiert genauso als inside joke: Sagt einer „Bombardiero Crocodilo“, ein bekannter italienischer Brainrot, und der andere versteht es, fühlt man sich zugehörig und direkt durch etwas verbunden. Menschen suchen außerdem ständig nach Ablenkung, vor allem in krisenbehafteten Zeiten wie diesen- irgendwo ist Brainrot also auch ein „coping mechanism“, also eine Art, sich von aktuellen Dingen abzulenken.

Die Suche nach Ablenkung gibt es aber nicht erst seit Beginn des digitalen Zeitalters, der Mensch wurde durch die Erfindung der mobilen Endgeräte nur sehr fündig in ihnen als Zeitvertreiber.

Dienlin erläutert: „Es ist auch so, dass man natürlich früher nicht die ganze Zeit nur Goethe, Schiller und Bourdieu gelesen hätte, sondern man hat dann eben viel Fernsehen abends geschaut, stundenlang. Und es ist auch so, dass der Mensch sich zerstreut. Das war schon immer Teil des Medienkonsums und der Lebensweise.“ Der Drang nach entspannter Ablenkung von der oft anstrengenden Realität war also schon immer da- geändert hat sich nur die Art und Weise, diesen Drang zu befriedigen. Der Mensch und seine Bedürfnisse ändern sich selten grundlegend- meistens ist es doch seine Umwelt.

Ist dieses absurde Entertainment aber wirklich so sinnlos und dumm, wie es zuerst scheint? Wie bereits oben erwähnt, fallen dem akademischen, geschulten Blick Ähnlichkeiten zu bereits da gewesenem auf, beispielsweise zu Marcel Duchamps „Fountain“ bei Skibidi- Toilet. Schaut man tiefer, sieht man mehr, interpretiert vielleicht auch mehr. Aber ist das nicht bei allem so?

Interpretiere der Mensch alles, was er mit seinen Sinnen wahrnähme, würde er wahrscheinlich nach kurzer Zeit vor Reizüberflutung aus der Haut fahren. Betrachtet man für eine längere Zeit die Wolken, so erkennt man irgendwann Drachen, Bäume und mehr in ihnen. Betrachtet man vom Bett aus den Wäscheberg im dunklen Zimmer, wird eine gruselige Silhouette aus ihm.

Ist Brainrot die Art der neuen Generation, sich auf ihre ganz eigene Weise auszudrücken? Irgendwo könnte es „A thoughtful sort of nonsense“ sein, also eine sehr be- und durchdachte Art von Sinnlosem. Vielleicht ist Brainrot der digitale Dadaismus unserer Zeit: Heute noch ein komisches, sinnloses Ding, über das sich lustig gemacht wird- irgendwann später Weltgut. Diese Frage lässt sich jedoch erst aus der Zukunft beantworten: Ob kulturelle Bewegung mit Tiefgang oder doch nur Symptom der Zeit merkt man meist erst rückblickend.

„Unser Gehirn spiegelt irgendwo das wider, was wir ihm aussetzen. Der Content, den wir konsumieren, beeinflusst am Ende daher auch wie wir denken und was wir sind“, betont Dienlin. Social Media wirkt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auf unsere Aufmerksamkeitsspanne aus, laut Dienlin gibt es zunehmend begründete Verdachte darauf. Ein ausgewogener Konsum wäre also – nicht nur, aber auch in Bezug auf Brainrot- definitiv mehr als ratsam- sofern man den noch nicht verrotteten Teil seines Gehirns behalten möchte.

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement