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Prothesen in Ukraine

Der Prothesenbedarf steigt und lässt vermuten, dass die Branche boomt. Weltmarktführer Ottobock steigerte im ersten Halbjahr 2023 seinen Umsatz um 17 Prozent und wurde das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte. Der finanzielle Erfolg geht jedoch nicht unbedingt auf eine höhere Nachfrage aus der Ukraine zurück. In der Realität zeigt sich beim europäischen und globalen Prothesen Markt tatsächlich kein sprunghafter Anstieg, im Gegenteil.
Max Langer  •  22. Mai 2025 CvD    Sterne  441
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Prothesenbedarf übersteigt Versorgungsmöglichkeiten

 

„Der Prothesenbedarf in der Ukraine ist durch den Ausbruch des Krieges massiv gestiegen aber die Versorgungsmöglichkeiten fehlen“, sagt Merle Florstedt, Unternehmenssprecherin vom deutschen Prothesenhersteller Ottobock.

 

Nicht nur Materialien, sondern vor allem Fachkräfte und Orthopädietechniker braucht es. Eine Prothese ist kein fertiges Produkt von der Stange. Sie wird individuell angefertigt und exakt auf den Körper abgestimmt. Es gibt zwar standardisierte Komponenten wie Rohre, Adapter, Kniegelenke oder Füße. „Aber der sogenannte Schaft bildet das Verbindungselement zwischen Körper und Prothese“, erklärt Florstedt. Er muss für jeden Patienten individuell angepasst werden und ist das Herzstück des orthopädietechnischen Handwerks.

 

Kaum Orthopädietechniker in der Ukraine

 

In der Ukraine sind viele orthopädische Fachkräfte als Soldaten in den Krieg eingezogen worden. Nur wenige Zentren können die benötigte medizinische Hilfe leisten. Das Superhumans Center in Lemberg bietet kostenlose Behandlungen an. Seit Beginn der Eskalation zwischen Russland und der Ukraine hilft das Reha-Zentrum Kriegsverletzten. Die ergreifende Geschichte eines ukrainischen Soldaten gibt Hoffnung und Kraft für die Patienten und Mitarbeiter des ukrainischen Rehabilitationszentrums Superhumans Center:

 

„Ein ukrainischer Soldat wurde von den Russen gefangen genommen. Sie haben ihn brutal gefoltert und gewaltsam beide Arme und Beine abgetrennt“, erzählte Andrii Vilenskyi, der medizinische Direktor des ukrainischen Superhumans Center.

Als er durch einen Gefangenenaustausch zurück in die Ukraine kam, behandelten ihn Ärzte im Superhumans Center. Dort erhielt er vier Prothesen, für seine verlorenen Gliedmaßen, die ihm und seiner Familie neue Hoffnung schenkten. Auch wenn er noch nicht komplett eigenständig leben kann, wird er laut Vilenskyi mit jedem Tag stärker: „Er ist ein großes Vorbild für uns alle.“

 

Von der Manufaktur zum Soldaten

 

Bis eine Prothese einsatzbereit ist, durchläuft sie einen langen handwerklichen Prozess. Erst danach erfüllt sie die gewünschten funktionalen und ästhetischen Anforderungen. In der Prothesen-Manufaktur – Da Vinci in Wien kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, etwa standardisierte Herstellungsweisen mit Carbon oder moderne Silikontechnologien.

„Mit unseren zehn Mitarbeitern produzieren wir rund fünfzehn Prothesen im Monat“, beschreibt Richard Schuster, Geschäftsführer der Prothesen-Manufaktur – Da Vinci in Wien.

In Österreich übernimmt die Gesundheitskasse die Kosten dafür. Für Schuster wäre Unterstützung von Künstlicher Intelligenz durchaus denkbar. 3D-Scans der Gliedmaßen könnten dazu beitragen, die Prothesen in kürzerer Zeit passgenau zu entwerfen und somit mehr Menschen mit Prothesen zu versorgen.

 

In der ursprünglichen Praxis schaffen die Spezialisten vorerst mit Gips die Basis. Dafür gießen sie zunächst einen Abdruck des Stumpfes mit Mullbinden. Der Gips muss anschließend wenige Tage aushärten. Danach entsteht ein Übergangsschaft, der so lange nachjustiert wird, bis er perfekt sitzt. Erst dann fertigen Spezialisten die endgültige Prothese. Dieser Prozess kann sich über mehrere Wochen hinziehen.

Um diesem Engpass zu begegnen, hat der weltweit führende Prothesenanbieter Ottobock 2022 ein Schulungsprogramm ins Leben gerufen. In der niedersächsischen Stadt Duderstadt wurden seither über hundert ukrainische Orthopädietechniker ausgebildet, damit sie die Versorgung direkt im Heimatland übernehmen können. Zudem hat das Unternehmen eine Tochtergesellschaft in der Ukraine gegründet, die seit 2023 aktiv ist. „Unsere Vertriebsgesellschaft in der Ukraine dient vor allem dazu, Komponenten schneller und gezielter dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden“, sagt Ottobock.

 

Die seelische Wunde bleibt

Explosionen, Schussverletzungen und massive mechanische Einwirkungen sorgen für die schweren Verletzungen, die nicht selten zu Amputationen von Armen oder Beinen führen. Krieg entreißt dem Körper und der Seele ein Stück Menschlichkeit. Kinder sind dabei nicht ausgenommen. Die größte Herausforderung bei verletzen Kindern und Jugendlichen ist die mentale Gesundheit. Es gibt im Superhumans Center in etwa zehn Kinder und Jugendliche, denen mindestens eine Gliedmaße fehlt. „Ein sechsjähriger Junge hat seinen Arm verloren und wir versuchen vor allem seine mentale Gesundheit während des Rehabilitionsprozesses zu stärken“, sagt Valenskyi.

Das Personal steht ebenfalls unter psychischer Belastung. Täglich sind sie mit Schmerz und Leid in Kontakt. Das Management steht ihnen mit vollem Einsatz zur Seite, auch mit psychologischer Hilfe. Es sind die Patienten, die Ihnen Kraft geben, jeden Tag ein kleines Wunder zu vollbringen.

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